Die Nützlichkeit der philologischen Untersuchung. Zum U?berarbeitungsprozess von Marieluise Fleißers Fegefeuer in Ingolstadt

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Chiara Maria Buglioni

Abstract

Programme hält die Dichterin Marieluise Fleißer für unkünstlerisch, so hat sie ihre Poetik nie schriftlich organisch fixiert. Da sie 1973 auf den Begriff „Programm“ zurückgreift, muss man zuerst erklären, was sie damit meint. Sie stellt sich jenem Theatermodell gegenüber, das die Aufführung als eine Reihe von Anweisungen zur Rezeption versteht, und sie verneint die „Entwicklungsdramaturgie, die ein Ziel hat“ (MFA VI, 1b), weil sie durch das Drama keine apriorische Lehre mitteln will. Da der Brennpunkt ihres Theaters der Mensch und seine Verhaltensweisen im alltäglichen, gesellschaftlichen Leben ist, gilt die Naturtreue als erster Reiz, der später durch die „synthetische Form des Dramas“ die universal-typischen Elemente der menschlichen Existenz isolieren muss. „Das naive Sehn“ der Autorin, das die Ereignisse als „wesentlich auffallend, erstmalig“ erfasst (Materialien 170), ohne sie in ihrer Einmaligkeit zu kategorisieren, ist deshalb mit jeder Art von Dramaturgie unvereinbar, die eine vom Autor vorgegebene Interpretation der Welt darbietet. Von Programmatik kann bei Marieluise Fleißer nicht die Rede sein. Das aber muss nicht zur Folgerung bringen, ihr Schreiben sei unreflektiert, wie Kässens und Töteberg lapidar festhalten: „Die Geschichten kamen ihr aus dem Dunkeln, sie schrieb intuitiv, unbeeinflußt von einer Tradition oder einem literarischen Programm“ (17). Wenn so eine Bestätigung stimmte, dann könnte man die intensive Arbeit der Dramatikerin an ihrem Werk nicht erfassen. Man soll diesbezüglich nicht vergessen, dass drei vollkommene Textfassungen von Fegefeuer in Ingolstadt und ebenso viele von Pioniere in Ingolstadt existieren, zu denen zahlreiche Fragmente, Entwürfe, Korrekturen, Notizen und Verständigungstexte im Nachlass hinzukommen.

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